Am 8. Januar 1981 setzte sich Isabel Allende hin, um einen Brief an ihren sterbenden Großvater in Chile zu schreiben. Aus dem Brief wurde ein Roman, Das Geisterhaus, und sie erinnert sich lebhaft an diesen Moment. Die Geschichte stammt aus einem Auszug aus Allendes Memoiren Story Telling: A Writing Life, erschienen bei Ballantine Books, einer Abteilung von Penguin Random House LLC.
Allende hatte nicht vor, einen Roman zu schreiben. Sie hatte vor, einen Brief zu schreiben, und dieser Unterschied veränderte alles. Sie sagte dem Craft of Writing-Newsletter von Lit Hub, sie hätte einen Roman nie fertiggestellt, wenn sie es versucht hätte. Doch ein Brief, sagte sie, war etwas, das sie zu schreiben wusste. Also schrieb sie ohne Erwartungen, und die Worte kamen immer weiter.
Küchenarbeit in Caracas
Allende arbeitete lange Schichten an einer Schule, zwölf Stunden am Tag. Das ließ wenig freie Zeit, doch sie hatte grenzenlosen Enthusiasmus. Jeden Abend kam sie nach Hause, setzte sich in ihre Küche und tippte drauflos. Die Geschichte nahm Gestalt an, als sie sich an Ereignisse aus der Vergangenheit erinnerte, und die Figuren erschienen eine nach der anderen, meist inspiriert von ihren extravaganten Verwandten und Menschen, die sie gekannt hatte.
Sie ließ sich nicht von der Größe des Projekts einschüchtern. Seite um Seite entstand. Sie schrieb jeden Abend und an den Wochenenden mehrere Stunden, und die Saga der Familie Trueba–del Valle entfaltete sich ohne Mühe.
Das unbenannte Manuskript
Bis zum Ende des Jahres hatte Allende über fünfhundert Seiten auf ihrer Küchenanrichte. Sie konnte nicht benennen, was sie geschaffen hatte. Es sah wie ein Manuskript aus, doch es existierte nur eine Kopie, und weitere Kopien anzufertigen war in jenen Tagen nicht einfach. Sie trug die Seiten in einer Leinentasche auf der Schulter, trennte sich nie von ihnen, so wie sie ihre neugeborenen Babys getragen hatte: eifersüchtig.
Einmal ließ sie die Tasche im Friseursalon liegen und geriet in Panik. Als sie zurückgehen konnte, um sie zu holen, hatten sie sie in den Müll geworfen. Sie musste in den großen Container auf der Straße steigen, um sie herauszuholen. Da war sie, unversehrt, und spottete ihr.
Ein Jahr stiller Arbeit
Seit jener ersten Erfahrung in der Küche in Caracas ist in Allendes Leben viel mehr geschehen, und sie hat viele Bücher geschrieben. Lesen und Schreiben seien intime Erfahrungen, sagte sie, vollzogen in Stille und im Privaten. Sie unterhalte sich mit ihrem Leser über Zeit und Raum hinweg und schlage etwas vor, das jeder Leser anders interpretiere. Ein Roman werde jedes Mal neu geboren, wenn jemand ihn lese.
Allende glaubt, dass ihre Bücher nicht ihr gehören. Sie seien lebendige Wesen, die hinaus in die Welt gingen, um ihr Schicksal zu erfüllen. Mit etwas Glück könnten sie die Fantasie mancher Leser anregen oder ihre Herzen bewegen.
Die Freiheit, die ihr Flügel verlieh
Der Brief begann als eine Möglichkeit, die Geschichten ihres Großvaters zu ehren. Er würde nicht mehr erleben, ihn zu lesen, aber das hielt sie nicht auf. Er verlieh ihr Flügel, sagte sie, und sie konnte alles schreiben, was sie wollte, ohne Angst, ihn zu kränken. Sie konnte seine Geschichten ausschmücken und verändern.
Nie wieder, sagte sie, habe sie dieses unglaubliche Gefühl absoluter Freiheit beim Schreiben gehabt.
Die Geschichte spiegelt auch die politischen Unruhen jener Zeit wider. Viele lateinamerikanische Länder hatten repressive Regierungen, Militärputsche, Diktaturen und nicht erklärte Kriege gegen die Armen und die indigene Bevölkerung, unterstützt von der CIA im Kontext des Kalten Krieges. Die in Chile begangenen Gräueltaten ähnelten denen in Argentinien, Uruguay, Brasilien und Mittelamerika, wo linke Bewegungen und Guerillas mit unglaublicher Brutalität zerschlagen wurden.
Das Geisterhaus hätte überall auf dem gequälten Kontinent spielen können.
Wichtige Fakten
- Das Geisterhaus begann am 8. Januar 1981 als Brief an Allendes Großvater
- Allende schrieb bis Ende des Jahres über fünfhundert Seiten
- Der Roman wurde aus Story Telling: A Writing Life entnommen, veröffentlicht von Ballantine Books
- Allendes Bücher wurden in mehr als zweiundvierzig Sprachen übersetzt
- Ihre Bücher haben sich mehr als vierundsiebzig Millionen Mal verkauft
Der Auszug endet mit Allendes Reflexion über das Schicksal ihrer Bücher. Es seien lebendige Geschöpfe, sagt sie, die in die Welt hinausgingen, um ihre Bestimmung zu erfüllen. Das ist eine großzügige Sicht auf die Schöpfung, und sie fängt den Geist ihres Werks ein.
Allendes Bericht erinnert daran, dass kreative Arbeit oft klein beginnt. Ein Brief, eine Postkarte, eine Notiz an eine Freundin – diese bescheidenen Anfänge können die Tür zu etwas viel Größerem öffnen. Die Einschränkung, es einen Brief zu nennen, war es, die ihr erlaubte, frei zu schreiben. Sie musste sich nicht um den Umfang des Romans sorgen; sie musste nur weiterschreiben.
Die Geschichte spricht auch von der Kraft der Erinnerung. Allende stützte sich auf ihre Verwandten und Menschen, die sie gekannt hatte, um ihre Figuren zu erschaffen. Die Geschichte nahm Gestalt an, als sie sich an Ereignisse aus der Vergangenheit erinnerte. Die Erinnerung ist der Rohstoff der Fiktion, und Allendes Bereitschaft, ihr zu vertrauen, brachte ein Werk hervor, das über Grenzen hinweg Widerhall fand.
Der Auszug ist ein Fragment einer längeren Memoiren und trägt die Wärme einer Schriftstellerin in sich, die auf ihren frühesten Erfolg zurückblickt. Allende fand die Freiheit zu schreiben, indem sie sich weigerte, ihr Projekt einen Roman zu nennen. Diese Freiheit verlieh ihr Flügel, und das Ergebnis war ein Buch, das ihr Leben veränderte.
Der Auszug endet mit Allendes Reflexion über das Schicksal ihrer Bücher. Es seien lebendige Geschöpfe, sagt sie, die in die Welt hinausgingen, um ihre Bestimmung zu erfüllen. Das ist eine großzügige Sicht auf die Schöpfung, und sie fängt den Geist ihres Werks ein.
Quellenmaterial: „Isabel Allende on Finding the Freedom to Write“, Literary Hub.
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