Das Queer Lisboa in Portugal feiert drei Jahrzehnte queeren Films mit einem umfangreichen Programm, das Neuerscheinungen, radikale Gegenkultur der 1970er Jahre und einen brandneuen Abschnitt für Familien umfasst. Das Festival begann am Freitag mit einem vollen Programm, das die portugiesische Premiere von “The Man I Love” mit Rami Malek und einen Abschlussabend mit dem Zeichentrickdrama “Tangles” von Leah Nelson beinhaltet.
Das 1997 gegründete Festival feiert sein 30-jähriges Bestehen mit einer Auswahl von 94 Spielfilmen, Dokumentarfilmen und Kurzfilmen. Sie laufen in den üblichen Veranstaltungsorten Cinemateca Portuguesa und Cinema São Jorge vom 18. bis 26. September.
Queer Lisboa wurde als Lisbon Gay and Lesbian Film Festival an der Cinemateca Portuguesa ins Leben gerufen. Sein erster Eröffnungsfilm war der 1950 entstandene Kurzfilm “Un chant d’amour”, der einzige Film, den der französische Schriftsteller und Dramatiker Jean Genet je gedreht hat, dessen Werke, darunter “Querelle de Brest”, berühmt von Rainer Werner Fassbinder adaptiert wurden.
Ein Festival, geboren an der portugiesischen Cinematheque
João Ferreira, der künstlerische Direktor von Queer Lisboa, sagt, dass das institutionelle Zuhause des Festivals an der Cinematheque es von Anfang an von anderen queeren Festivals in Europa abhob. “Von Anfang an würde ich sagen, dass das Festival nicht als eine Art Nische oder Festival nur für die LGBTQ-Community gedacht war, da es von Tag eins an institutionelle Unterstützung hatte”, sagt Ferreira gegenüber Variety.
Er vergleicht Queer Lisboa mit Madrid und Paris, die etwa zur gleichen Zeit begannen. “Es war sicherlich nicht der Fall bei manchen Festivals, die mehr oder weniger zur gleichen Zeit begannen, wie Madrid oder Paris”, sagt er. “Das Publikum war von Anfang an ein sehr breites Publikum und ein Publikum, das sich für Film interessierte, ein cinephiles Publikum.”
In den ersten drei Jahren wurde das Festival von der portugiesischen Sektion von ILGA, der Internationalen Lesbischen, Schwulen, Bisexuellen, Trans- und Intersex-Vereinigung, organisiert. Das verlieh ihm von Anfang an eine Community-Dimension, so Ferreira.
Was Queer Lisboa anders macht
Ferreira betont, dass der Ansatz des Festivals gegenüber queeren Filmen nie allein auf Erzählungen basierte. „Es war viel breiter gefächert. Wir waren an einem queeren Blick auf die Welt interessiert. Wir waren an einer Camp-Ästhetik interessiert. Deshalb suchten wir nach ganz unterschiedlichen Arten von Filmen, die in diese Idee passen“, sagt er.
Die frühe Programmgestaltung des Festivals spiegelte diese weite Sichtweise wider. „Damals hieß das Festival Gay & Lesbian Film Festival, aber die Idee war bereits queer, die Art und Weise, wie wir Filme betrachtet haben“, fügt er hinzu.
Queer Lisboa hat immer versucht, populäre Mainstream-Werke mit radikaleren experimentellen Filmen auszugleichen. „Wir wollen dieses Spektrum, die großen Filme und sehr kleine Filme“, sagt Ferreira. „Es ist ein Teil unserer Freude als Programmierer, diese kleineren und unabhängigeren, manchmal DIY-Filmemacher und Filmproduktion zu entdecken, und wir versuchen, all das in das Programm zu integrieren. Es ist eine Herausforderung.“
Die Programmübersicht auf einen Blick
Das Zentrum der Jubiläumsausgabe bildet der erweiterte Bereich der Retrospektiven, der 19 Titel umfasst. Darunter sind:
- Die Wachowskis’ 1996er Debütfilm „Bound“
- Sally Potters „Orlando“ (1992)
- Lisa Cholodenkos „High Art“ (1998)
- Patrice Chéreaus „Der Verwundete“ (1983)
- Kim Longinottos und Jano Williams’ britischer Dokumentarfilm „Shinjuku Boys“ (1995)
- Frank Ripplohs Klassiker von 1980 „Taxi to the Toilet“ („Taxi zum Klo“) aus Westdeutschland
Die Premiere am Eröffnungstag ist Ira Sachs’ „The Man I Love“ mit Rami Malek in der Hauptrolle. Sachs’ vorherige Filme „Passages“ und „Peter Hujar’s Day“ wurden ebenfalls in Lissabon gezeigt. Das Festival schließt mit Leah Nelsons gefeiertem Animationsdrama „Tangles“.
Die Programmreihe umfasst fast ein Dutzend Sektionen, fünf Wettbewerbskategorien und sechs nicht-wettbewerbsbezogene Sidebars. Neu in diesem Jahr ist Queer Family, das Kindern und ihren Familien gewidmet ist. Es konzentriert sich auf kulturell bereichernde Independent-Filme, die Themen von Inklusion und Identität erkunden.
Zwei brasilianische Filme bilden den Anker der Sektion: Allan Debertons „Gugu’s World“, der mit dem Berlinale-Preis ausgezeichnet wurde, und Priscillas Kellens animierter Film „Papaya“.
Das Queer Family Experiment
Ana David, Programmdirektorin von Queer Lisboa, sagt, die Gewinnung jüngerer Zuschauer sei ein lang gehegtes Ziel gewesen. Die neue Familiensektion richtet sich direkt an Familien und hat bereits positives Feedback von interessierten Eltern erhalten.
„Wir werden sehen, ob die Kinder ihre Eltern mitbringen, oder ob die Eltern ihre Kinder mitbringen“, sagt David. „Es ist wichtig für uns, mit jungen Zuschauern zu arbeiten, die auch die erwachsenen Zuschauer des Festivals in der Zukunft sein werden.“
Die Sektion bietet außerdem ein generationenübergreifendes Erlebnis. „Es bietet auch die Möglichkeit für Eltern und ihre Kinder, ein generationenübergreifendes Erlebnis zu haben und sogar nach der Vorführung über Dinge zu sprechen“, sagt David.
Queer Lisboa hat bereits eine große Anzahl von Tickets für die Queer Family-Vorführungen verkauft. „Wir denken, es wird wirklich gut funktionieren“, sagt David.
Navigation durch 90 Filme
Ferreira räumt ein, dass die Akquise von Filmen in den letzten drei Jahrzehnten viel einfacher geworden sei. Aber das Filtern durch die riesige Anzahl verfügbarer Titel und die Kuratierung der 90-plus Filme, die das Festival präsentiert, ist schwieriger geworden.
„Es ist jetzt viel einfacher, Filme zu akquirieren, als vor 30 Jahren, aber es ist schwieriger geworden, durch die riesige Anzahl verfügbarer Titel zu filtern und die 90-plus Filme zu kuratieren, die das Festival präsentiert“, fügt Ferreira hinzu.
Ein Jahr der Meilensteine
Queer Lisboa ist nicht das einzige Queer-Festival, das dieses Jahr einen Meilenstein erreicht. Mit seinem 30. Jubiläum feiert BFI Flare in London sein 40. Jubiläum und Frameline in San Francisco sein 50.
David merkt an, dass diese Festivals, zusammen mit Paris’ Chéries-Chéris, als Inspiration für den diesjährigen Retrospectives-Bereich dienten. „Es spricht für die Langlebigkeit des queeren Kinos, aber auch für die Festivals, die seit langem das Wissen und die Wertschätzung für queeres Kino fördern und erweitern“, sagt David.
Für Queer Lisboa bot die Retrospektive die Chance, frühe Filme zu zeigen, die in Portugal selten sind, selbst wenn sie bereits anderswo als kanonisch gelten. „Wir wollten einige klassische Titel anbieten, mit denen die Leute interagieren und die Retrospektive mitgestalten können, aber auch etwas Neues anbieten, das sie lernen und ihr Wissen erweitern kann“, sagt David.
Das Jubiläumsprogramm
Die 30. Ausgabe von Queer Lisboa findet vom 18. bis 26. September in der Cinemateca Portuguesa und im Cinema São Jorge statt. Die gesamte Programm umfasst 94 Spielfilme, Dokumentarfilme und Kurzfilme in fast einem Dutzend Sektionen.
Fakten auf einen Blick: – 30. Jubiläumsausgabe – 94 Spielfilme, Dokumentarfilme und Kurzfilme – 19 Titel im erweiterten Retrospectives-Bereich – Eröffnung mit “The Man I Love” mit Rami Malek in der Hauptrolle – Abschluss mit “Tangles” von Leah Nelson – Queer Family-Sektion feiert in diesem Jahr ihre Premiere
Die Jubiläumsausgabe von Queer Lisboa zeigt ein Festival, das gewachsen ist, während es seinen cinephilen Wurzeln treu geblieben ist. Es bietet etwas für jeden – von den Kindern in der Queer Family-Sektion bis zu den Cinephilen, die wegen der Gegenkultur der 1970er Jahre gekommen sind. Das Festival hat einen Weg gefunden, Blockbuster-Premieren, queere Klassiker und neue Entdeckungen auszugleichen.
Die Jubiläumsausgabe ist eine Erinnerung daran, dass Queer Lisboa das schon lange macht. Das Festival hat sich weiterhin zu einer breiten Definition von queerem Kino bekannt.
Queer Lisboa war schon immer mehr als nur ein Nischenfestival für die LGBTQ-Community. Es war eine kulturelle Institution, ein Ort, an dem queere Geschichten erzählt und gefeiert werden. Und jetzt, mit 30 Jahren, findet es immer noch neue Möglichkeiten, dies zu tun.
Der erweiterte Retrospectives-Bereich ist ebenfalls ein Highlight. Die 19 Titel umspannen Jahrzehnte des queeren Kinos, von den Wachowskis’ “Bound” bis zu Patrice Chéreaus’ “Der Verwundete”. Dies sind Filme, die das Genre geprägt haben, und sie in Lissabon zusammen zu sehen ist ein seltenes Vergnügen.
Queer Lisboa war schon immer ein Ort, an dem queere Geschichten erzählt und gefeiert werden. Das tut es seit 30 Jahren, und es gibt keine Anzeichen dafür, dass es langsamer wird. Dabei hat es stets seiner Verpflichtung zu einer breiten Definition von queerem Kino treu geblieben.
Die Jubiläumsausgabe feiert drei Jahrzehnte queeren Kinos, ist aber auch ein Statement, wohin sich das Festival entwickeln möchte. Queer Lisboa ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus. Es blickt nach vorne, experimentiert mit neuen Formaten und findet neue Wege, um mit dem Publikum in Kontakt zu treten.
Der Bereich Queer Family ist ein mutiger Schritt. Es ist eine Wette auf die Zukunft des Festivals und eine Wette auf die Zukunft des queeren Kinos. Wenn Familien kommen, bringen sie ihre Kinder mit. Wenn Kinder kommen, bringen sie ihre Eltern mit. Auf jeden Fall wird Queer Lisboa eine neue Generation von Zuschauern gewinnen.
Quelle: „Portugal’s Queer Lisboa Celebrates 30th Anniversary With Vast Showcase of Latest LGBTQ Titles, Dose of Radical 1970s Counterculture and Family Fare,“ Variety.
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