Alice im Spiegel ist eine Fortsetzung, die besser eine Prequel gewesen wäre. Stattdessen wirft sie Lewis Carrolls geliebte Heldin in einen Wirrwarr aus visuellen Effekten, erzwungenem Humor und einer Handlung, die nie so recht entscheiden kann, was sie sein will. Das Ergebnis ist ein Film, der weniger wie eine Rückkehr in den Wunderland wirkt und mehr wie ein verzweifelter Versuch, eine Marke wiederzubeleben, die nie existiert hat.
Der Film spielt Jahre nach den Ereignissen von Alice im Wunderland, wobei Alice (Mia Wasikowska) erwachsen, unruhig und ziellos durchs Leben treibt. Sie arbeitet für eine Spedition, aber ihr Herz gehört dem Meer und den Abenteuergeschichten, die sie als Kind liebte. Als sie ein baufälliges Schiff und eine tickende Uhr erbt, wird sie durch den Spiegel zurück in eine Welt gezogen, die sich verändert hat, während sie weg war. Dort trifft sie eine jüngere Version von sich selbst (Ella Frears), eine Bande sprechender Tiere und eine Vielzahl anderer Charaktere, die hauptsächlich dazu existieren, den Raum zwischen den Actionsequenzen zu füllen.
Trailer, über Disney Australia & New Zealand.
Eine Uhr, die abläuft
Das zentrale Element des Films ist eine riesige Standuhr, die Alice davon abhalten muss, Mitternacht zu schlagen, eine Frist, die sie von einem aufwendigen Szenenbild zum nächsten hetzt. Das Problem ist, dass die Uhr der Handlung dient, anstatt umgekehrt. Ihre Existenz ist ein Trick, nicht eine Begründung. Alice rennt gegen sie, springt darüber und versucht schließlich, sie zu demontieren, aber der Film erklärt nie, warum Mitternacht wichtig ist, außer dass es eben so ist.
Das Drehbuch, geschrieben von Linda Woolverton und unter der Regie von James Bobin, stützt sich stark auf Gags über Zeitreisen und die Idee, dass Alice ihre Vergangenheit ändern kann, um ihre Gegenwart zu reparieren. Das sollte ein reichhaltiges Material sein. Stattdessen wirkt es wie eine Reihe von losen Skizzen, von denen jede lustiger ist als die letzte, aber keine von ihnen ergibt ein zusammenhängendes Ganzes.
Die Tiere tragen die Last.
Der Nebencast ist besser als das Material, das ihn umgibt. Johnny Depp ist als der verrückte Hutmacher zurück, der nun auf eine Weise ausrastet, die mehr wie eine schauspielerische Leistung als wie eine Charakterentwicklung wirkt. Anne Hathaway spielt Absolem den Raupenkäfer, einen neuen Charakter, der als Führer durch die Logikrätsel des Films dient. Michael Sheen übernimmt erneut die Rolle des weißen Kaninchens, und Helena Bonham Carter ist als rote Königin zurück, obwohl ihre Szenen wie Überbleibsel eines früheren Entwurfs und nicht wie eine vollständig ausgearbeitete Schurkin wirken.
Die Tiere selbst bekommen die besten Sprüche. Der grinsende Kater (synchronisiert von Sacha Baron Cohen) liefert einige wirklich lustige Momente, und der Märzhasen (Paul Whitehouse) sorgt für körperliche Komik, die öfter trifft als verfehlt. Diese Leistungen halten den Film sehenswert, selbst wenn die Geschichte ihren Halt verliert.
Ein Schiff namens Trelawney
Das Schiff selbst ist ein wichtiger Charakter in Alice im Wunderland. Es heißt Trelawney, eine Anspielung auf das Piratenschiff aus Piraten der Karibik, und seine Präsenz ist ein Augenzwinkern an den Filmproduzenten, Walt Disney Studios. Das Schiff bringt Alice über Ozeane und durch Stürme und wird zu einem Symbol für ihre Reise von einem gewöhnlichen Leben zu etwas Außergewöhnlicherem. Es ist eine clevere Idee, aber es ist auch eine Erinnerung daran, dass der Film von anderen Quellen leiht, anstatt seine eigene Identität aufzubauen.
Das Schiff verankert auch einige der besten Actionsequenzen des Films. Eine Verfolgungsjagd über sein Deck, ein Kampf mit einem Seeungeheuer und eine finale Konfrontation, bei der Alice den Uhr ticken lassen muss, profitieren alle von dem praktischen Filmemachertum, das den Originalfilm prägte. Die Effekte sind kompetent, aber sie werden eingesetzt, um die Geschichte zu bedienen, anstatt um ihrer selbst willen zu beeindrucken.
Das Zeitreise-Prinzip
Das Konzept der Zeitreise ist die größte Schwäche des Films. Alice kann ihre Vergangenheit und ihre Zukunft besuchen, aber die Regeln dafür werden nie klar gemacht. Im einen Moment ist sie wieder ein Kind, im nächsten ist sie in einer parallelen Zeitleiste ein Erwachsener. Der Film bittet uns, zu akzeptieren, dass sie die Geschichte verändern kann, aber er zeigt uns nie, wie diese Veränderung die Welt um sie herum beeinflusst. Es ist Mitternacht, die Welt setzt sich zurück, und Alice fragt sich, ob es überhaupt etwas bedeutet hat.
Dies ist ein strukturelles Versagen, nicht ein stilistisches. Der Film ist nicht schlecht gemacht im Sinne von schlechter Kameraführung oder miserischem Schnitt. Er ist schlecht konzipiert. Das Zeitreise-Gerät ist ein Handlungskonstrukt, und es fühlt sich so an.
Die Rache der Rote Königin
Die Rote Königin ist ein seltsamer Fall. Im Originalfilm war sie eine einprägsame Bösewichtin, grausam und theatralisch. Hier wird sie zu einem Handlungskonstrukt reduziert. Ihre Szenen sind wenige, ihre Motive sind vage, und ihre finale Konfrontation mit Alice fühlt sich wie eine Füllung anstatt wie ein Höhepunkt an. Der Film verbringt so viel Zeit damit, einen Konflikt aufzubauen, dass er vergisst, ihn zu liefern.
Der Film führt außerdem einen neuen Bösewicht in Form des Knappen Herz (gespielt von Rhys Ifans) ein. Er ist eine Bedrohung für Alices Familie, ein Grund für ihre Rückkehr in die Spiegelwelt, aber seine Präsenz ist unterentwickelt. Er ist eine schattenhafte Figur mit einer Rache, aber der Film macht seinen Zorn nie persönlich genug, um den Einsatz zu verankern.
Ella Frears als junge Alice
Ein Lichtblick ist Ella Frears, die junge Alice spielt. Ihre Szenen sind selten, aber sie sind wirksam. Alice als Kind zu sehen, neugierig und tapfer, erinnert uns daran, warum wir uns anfangs in den Charakter verliebt haben. Das Scheitern des Films, diese Energie über die Laufzeit aufrechtzuerhalten, ist seine größte Enttäuschung. Er weiß, wie man den Geist von Wonderland in einer einzigen Szene einfängt, aber er kann diesen Geist nicht für zwei Stunden festhalten.
Der Vergleich ist eindeutig:
| Element | Alice im Wunderland | Alice hinter den Spiegeln |
|---|---|---|
| Zentrales Thema | Neugier und Staunen | Eine tickende Uhr und eine Deadline () |
| Ton () | Magisch und seltsam () | Gezwungen und hektisch () |
| Bester Moment () | Der Tee-Moment () | Die Verfolgungsjagd über das Schiff () |
| Schlimmster Moment () | Keiner () | Die Regeln für Zeitreisen () |
| Gesamteindruck () | Eine klassische Neuinterpretation () | Eine verpasste Gelegenheit. |
Alice im Wunderland ist keine Katastrophe, aber ein Scheitern der Ambitionen. Es verfügt über das Budget, das Talent und das Ausgangsmaterial, um etwas Besonderes zu werden. Stattdessen beschränkt es sich darauf, ein lautes, überhastetes Geldgrab zu sein. Der Film ist stellenweise sehenswert, in Momenten bezaubernd und gelegentlich clever, aber er erarbeitet sich nie das Selbstvertrauen, das er einfordert.
Das endgültige Urteil ist klar. Alice im Wunderland ist eine Fortsetzung, die eine Vorgeschichte hätte sein sollen, ein Film, der versuchte, eine Magie wiederherzustellen, die er nicht verstand. Er erhält 3,4 von 10 Punkten.
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