Ein neues Buch von Sam Smiles, einem emeritierenden Kunsthistoriker der University of Plymouth, stellt eine bekannte Geschichte über die Romantik-Malerei in Frage. Mit dem Titel „Turner und der Sklavenhandel“ fordert es die Leser auf, die Verbindung zwischen einer gefeierten Leinwand und einem berüchtigten Schiff zu hinterfragen. Das Argument dreht sich um J.M.W. Turners „The Slave Ship“ (1840), das seit langem als Anprangerung der Sklaverei interpretiert wird, und das Buch argumentiert, dass das Werk möglicherweise nicht auf die Zong-Massaker verweist.
Jeder, der Turners Porträt über seinen Kamin gestellt oder einen Besuch in einer Galerie gemacht hat, in der sein Werk ausgestellt ist, wird sich mit einer unbequemen Frage konfrontiert sehen, die das Buch aufwirft. Diese Frage betrifft, ob der Maler möglicherweise selbst von der Sklaverei profitiert hat.
Turners Port Town
Der Autor beginnt mit einer Familienerinnerung. Sein Großvater stammt aus der Nähe von Black River, einer jamaikanischen Hafenstadt, in der das Schiff Zong im Jahr 1781 anlegte, nachdem 133 versklavte Afrikaner über Bord geworfen worden waren, um einen Versicherungsanspruch geltend zu machen. Dieser Fluss, der ins Meer mündet, bildete das zentrale Bild des Künstlers.
Aber Smiles, der die Wanderausstellung „Late Turner: Painting Set Free“ der Tate im Jahr 2014 mitkuratierte, argumentiert, dass diese Assoziation ein Irrtum sei. Er schreibt, dass das Gemälde mit ziemlicher Sicherheit nicht auf das Zong-Massaker Bezug nimmt.
„Das Tableau von ‚The Slave Ship‘ ist mit ziemlicher Sicherheit nicht ein Verweis auf das Zong-Massaker.“
Smiles bestreitet nicht, dass das Gemälde die Sklaverei verurteilt. Was er anzweifelt, ist der spezifische Bezug zum Zong-Massaker, das Generationen als sein Thema gelehrt haben. Das ist eine bemerkenswerte Behauptung.
Die Beine der Sklaven
Das Gemälde selbst lässt sich leicht beschreiben. Es zeigt die Gliedmaßen von Schwarzen, die als Fußnoten in der britischen Kunstgeschichte dargestellt werden, wobei das gefesselte Bein einer Frau am unteren rechten Rand am deutlichsten zu sehen ist, zusammen mit Fischen und Möwen. Der Titel in der Royal Academy im Jahr 1840 lautete „Sklaven werfen die Toten und Sterbenden über Bord – Ein Typhoon naht“. Es wurde zu seiner Zeit als absurd und als Verurteilung der Leibeigenschaft angesehen.
Obwohl Smiles argumentiert, dass das Gemälde nicht die Zong darstellt, ist es dennoch zum Symbol für dieses Ereignis geworden. Man kann den Menschen verzeihen, wenn sie diese verwechseln, da die Themse nur eine Meile vom Royal Academy entfernt fließt, wo das Werk erstmals zu sehen war, und der Autor in der Nähe ihrer Ufer geboren wurde.
Die Cattle Farm Investment
Smiles’ Hauptargument betrifft Turners eigene finanzielle Verbindungen zur Sklaverei. Er dokumentiert, dass der Maler 1805 100 Pfund (~11.200 Pfund oder 14.800 Dollar heute) in ein Konsortium investierte, um eine jamaikanische Viehfarm zu finanzieren, die von einer afrikanischen Arbeitskraft versklavt wurde.
Dieser Befund stammt aus dem Jahr 2007, wo der Autor eine Frage bezüglich Turners Reputation aufwirft. Er fragt, ob der Maler für das Profitieren von jamaikanischer Sklaverei entschuldigt werden kann. Angesichts der Tatsache, dass Jamaikaner am 7. September in London Petitionen an König Charles zu Wiedergutmachung gerichtet haben, wiegt die Frage erheblich.
Jamaicas Petition
Was an dem Buch auffällt, ist sein Timing. Jamaikaner forderten König Charles am 7. September zu Wiedergutmachung auf, und nun ist die Frage der Bezahlung für während der Kolonialzeit begangenes Unrecht wieder in das öffentliche Bewusstsein zurückgekehrt.
Smiles argumentiert, dass es keine Widersprüche in Turners Handlungen gibt. Vielmehr sagt er, dass diese zeigen, wie Chattelsklaverei in etwas anderes umgewandelt wurde und wie dieses System als Motor diente, der England finanzierte, insbesondere durch Abwesenheitskolonialismus. Das Buch verknüpft sich mit der globalen Black Lives Matter-Bewegung und den Gefahren des fortwährenden Schadens, der von Museen verursacht wird.
Bevor er seine Untersuchung beginnt, sagt er, dass er beleidigende Begriffe und Bilder weggelassen hat, die die Grammatik des Rassismus wiederholen, es sei denn, sie waren unbedingt erforderlich für das Argument. Er hört auf die Warnungen von Gelehrten wie Saidiya Hartman, mit Vorsicht durch das koloniale Archiv zu navigieren.
Was unklar bleibt
Das Argument des Buches verlagert die Beziehung des romantischen Realismus zur Natur und Landschaftsmalerei als Vehikel für koloniale Propaganda. Es fordert die Leser auch auf, den Künstler in einem neuen Licht zu betrachten.
Das Porträt von Turner erscheint auf dem englischen 20-Pfund-Schein, was ihn zu Währung in der Kunstwelt und darüber hinaus macht. Doch niemand kann genau sagen, wofür er steht. Das Buch versucht, eine überlieferte Geschichte zu korrigieren, regt aber auch Fragen darüber an, wie wir Kunst nutzen, um die Vergangenheit zu verstehen.
Der Vergleich
| „Das Sklavenschiff“ (1840) | Turners Investition von 1805 | |
|---|---|---|
| Was es darstellt | Sklaven werfen tote und sterbende über Bord, Taifun zieht auf | Ein jamaikanischer Viehbetrieb, der von versklavter Arbeitskraft betrieben wird |
| Was es symbolisiert | Verurteilung der Sklaverei | Sublimierung von Eigentumssklaverei |
Das Buch dient als Erinnerung daran, dass Kunstgeschichte offen für neue Interpretationen bleibt. Das Etikett, das an Turners Gemälde angebracht ist, wurde seit Generationen als Protest gegen die Sklaverei gelesen, und diese Lesart hat geprägt, wie wir die Romantik sehen. Smiles‘ Werk könnte zu eng sein, um das Ganze zu erfassen.
Ob Turner Vergebung verdient, bleibt ungewiss. Er verdiente Geld mit jamaikanischer Sklaverei, während er sie in seinen Schriften verurteilte. Das Buch weigert sich, die moralische Waage zwischen diesen beiden Tatsachen zu klären. Stattdessen fordert es die Leser auf, die Beweise erneut zu prüfen und ihre eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen.
„Turning Turner’s Legacy“, Hyperallergic. )
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