Pocahontas kam 1995 als Antwort von Disney auf den Erfolg von Dances With Wolves heraus und wirkt, als wisse sie genau, was sie vermitteln will. Der Film möchte die Geschichte der amerikanischen Ureinwohner ehren und gleichzeitig das Publikum mit einer Liebesgeschichte mit sprechenden Tieren unterhalten. Das gelingt ihm meistens beim ersten und strauchelt beim zweiten.
Trailer, über Kineko Video.
John Smith und Pocahontas
Die Geschichte folgt John Smith (Martin Short), einem Kapitän, der nach Virginia geschickt wurde, um Jamestown zu gründen, und Pocahontas (Synchronsprecherin: Irene Bedard), der Tochter von Häuptling Powhatan (Russell Means). Ihre Romanze bildet das Rückgrat des Films, und es ist der Teil, der zusammenhält. Die Chemie zwischen Smith und Pocahontas ist warm und glaubwürdig, selbst wenn die Handlung um sie herum komplizierter wird.
Der Nebencast ist durchweg solide. James Earl Jones spricht Grandmother Willow, einen weisen Baum, der Pocahontas einen moralischen Kompass bietet. David Ogden Stiers spielt Gouverneur Ratcliffe, den Bösewicht, der Krieg mit den einheimischen Völkern will. Linda Hunt spricht Meeko, einen Waschbären, der für komische Auflockerung sorgt. Alle vier Darstellungen sind markant und einprägsam.
Die Songs, die funktionieren
Die Musik, geschrieben von Alan Menken mit Texten von Stephen Schwartz, ist der Höhepunkt des Films. „Colors of the Wind“ wurde zu einer Hymne des Umweltschutzes und erhielt einen Oscar für den besten Originalsong. „Just Around the River Bend“ ist eine ruhigere, intimere Ballade, die perfekt zu den Charakteren passt. Beide Songs funktionieren, weil sie von Verbindung und Respekt handeln, Themen, zu denen der Film immer wieder zurückkehrt.
Nicht jeder Song ist ein Gewinn. „Mine, Mine, Mine“ und „What a Day in London Town“ sind lustig, aber leicht, und tragen nicht viel über Füllmaterial hinaus bei. Dennoch ist der Soundtrack als Ganzes stärker als die meisten Zeichentrickfilme der Ära.
Die Probleme mit der Handlung
Der Mittelteil zieht sich in die Länge. Der Film verbringt zu viel Zeit mit Nebenhandlungen, die John Rolfe (Todd Jensen) und seinem Freund Thomas (Donovan Edwards) betreffen, die die Haupthandlung nicht voranbringen. Diese Szenen wirken wie aufgebläht und verlangsamen den Schwung, der im ersten Akt aufgebaut wurde.
Es gibt auch einen Moment kurz vor dem Höhepunkt, in dem Pocahontas Smith rettet, indem sie sich vor ihn wirft, nur um zu sehen, dass er dennoch überlebt. Es ist eine seltsame Wahl, die die Spannung untergräbt, die der Film aufgebaut hat. Die Auflösung wirkt gehetzt, und es bleiben einige Fragen unbeantwortet.
Die Animation
Die Animation ist wunderschön. Die Wassereffekte sind besonders beeindruckend, und die Waldszenen haben eine üppige, malerische Qualität, die ihrer Zeit vorauszu sein scheint. Die Charakterdesigns sind ausdrucksstark, besonders Pocahontas selbst, deren Gesicht ihre Emotionen deutlich trägt. Die Hintergründe sind detailliert und lebendig, was dem Film ein Gefühl für den Ort verleiht, das nur wenige Zeichentrickfilme der damaligen Zeit erreichten.
„Glaubst du, der Fluss zeigt dir alles, was es gibt?“
Dieser Satz, gesprochen von Großmutter Willow, erfasst die zentrale Idee des Films: dass die Natur Lektionen für diejenigen bereithält, die bereit sind, zuzuhören. Es ist ein einfaches Konzept, aber es wird mit Aufrichtigkeit vermittelt und hallt durch den gesamten Film wider.
Russell Means und die Frage der amerikanischen Ureinwohner
Means spielt Häuptling Powhatan mit Würde und Präsenz. Seine Szenen sind kraftvoll, und er verleiht der Rolle eine Gewichtigkeit, die den Film aufwertet. Seine Leistung ist der Grund, warum die einheimischen Charaktere des Films ausgefeilter wirken als in anderen Disney-Filmen der Ära.
Aber die Darstellung des historischen Konflikts wirft Fragen auf. Der Film stellt Siedler und Ureinwohner als gleichwertig dar, was die tatsächliche Geschichte zu stark vereinfacht. Es gibt keine Diskussion über die größeren Kräfte, die die Kolonialisierung antreiben, und der Film räumt die Gewalt, die folgte, nicht an. Das ist ein Fehler, aber auch eine bewusste Entscheidung: der Film möchte den Fokus auf individuelle Freundlichkeit statt politische Komplexität legen.
Irene Bedards Darstellung
Bedards Sprecherleistung ist subtil und effektiv. Sie übertreibt Pocahontas’ Spiritualität nicht, und sie verankert den Charakter im Realismus. Ihre Leistung ist der Grund, warum die zentrale Romanze des Films verdient wirkt.
Das Endergebnis
„Pocahontas“ ist nicht perfekt, aber ambitioniert. Es versucht, etwas Sinnvolleres zu erreichen als die meisten Zeichentrickfilme seiner Zeit, und es gelingt ihm meistens. Die Musik ist ausgezeichnet, die Animation ist beeindruckend, und die schauspielerischen Leistungen sind stark. Die Handlung hängt in der Mitte durch und das Ende wirkt gehetzt, aber der Film hat Herz am rechten Fleck.
- Titel: Pocahontas
- Jahr: 1995
- Regisseure: Mike Gabriel und Ron Clements
- Bewertung: 6,9/10
Kennzeichenbox – Laufzeit: 83 Minuten – Regie: Mike Gabriel und Ron Clements – Sprechbesetzung: Irene Bedard, Martin Short, Russell Means – Musik: Alan Menken – Texte: Stephen Schwartz – Oscar: Beste Originalkomposition („Colors of the Wind“)
Die Fehler des Films sind real, aber sie tilgen nicht seine Stärken. „Pocahontas“ bleibt ein lohnender Eintrag im Zeichentrickkatalog von Disney, auch wenn er nicht ganz die Höhen seiner Vorgänger erreicht.
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