„The Vow“ möchte eine Liebesgeschichte über Gedächtnisverlust sein, doch immer wieder verfällt der Film auf die falsche Art von Handlungselement. Rachel McAdams spielt Paige, eine frisch Verheiratete, die aufgrund einer Hirnschädigung ihren Ehemann Paul (Channing Tatum) nicht mehr erkennen kann. Der Film ist um ihre langsame Genesung herum gebaut, doch er behandelt die Amnesie als Abkürzung statt als Charakterstudie. Paiges Zustand ist ein Mittel, die Beziehung zurückzusetzen, kein Grund, sie zu ergründen.
Der Film beginnt mitten in einem Autounfall von Paige und Paul. Sie überlebt, er nicht, und die nächste Stunde verbringt der Film damit, eine Bindung zwischen den beiden aufzubauen, von der das Publikum weiß, dass sie Minuten nach der Eröffnungsszene zusammenbrechen wird. Diese Struktur ist das Problem. Der Film handelt nicht wirklich von einem Paar, das sich neu verliebt. Er handelt von einer Frau, die vergisst, wer sie ist, und der Film fordert das Publikum immer wieder auf, so zu tun, als sei das romantisch.
Trailer, via Sony Pictures Entertainment.
Paiges Gedächtnisverlust
Paiges Zustand ist der Motor des ganzen Films. Sie kann sich weder an ihre Hochzeit noch an ihre Flitterwochen noch an den Mann erinnern, den sie geheiratet hat. Woran sie sich erinnern kann, sind die kleinen Details: ein gemeinsames Lachen, eine Liedzeile, eine Gewohnheit. Das Drehbuch stützt sich auf diese Fragmente, um Intimität anzudeuten, doch sie wirken inszeniert statt verdient.
Der Film möchte das Publikum glauben machen, dass sich an eine Person zu erinnern dasselbe sei wie sie zu lieben. Das ist es nicht. Paiges Erinnerungen sind nicht das Fundament ihrer Zuneigung zu Paul; sie sind eine Landkarte, die sie von Grund auf neu zeichnen muss. Der Film erzählt uns immer wieder, dass die Liebe die Amnesie übersteht, doch er zeigt uns nie, wie.
Pauls Geduld
Paul ist der Geduldige in dieser Beziehung, der darauf wartet, dass Paige sich erholt. Er liest ihr Bücher vor, erzählt Geschichten und wiederholt dieselben Sätze, bis sie ihn erkennt. Tatum spielt das mit einer ruhigen, beständigen Präsenz, doch die Rolle verlangt ihm ab, stillzuhalten, während sich die Welt um ihn herum bewegt. Für Paul gibt es keinen Bogen über das Ertragen hinaus.
McAdams trägt den Film, und sie findet Momente echter Zärtlichkeit inmitten der größeren Maschinerie. Ihre Darstellung ist der Grund, warum der Film überhaupt funktioniert, selbst wenn das Material unter ihr es nicht tut.
Die falsche Wendung
Zur Hälfte des Films nimmt die Handlung eine Wendung, die alles untergräbt, was zuvor aufgebaut wurde. Paige kehrt ihr Gedächtnis zurück, doch nicht in die Gegenwart. Stattdessen erinnert sie sich an eine Version von Paul aus ihrer Vergangenheit, an einen Mann, den sie liebte, bevor sie ihn überhaupt kennengelernt hatte. Diese Wendung soll herzzerreißend sein, doch sie wirkt wie ein Lockvogelangebot. Der Film hat eine Stunde damit verbracht, eine Verbindung zwischen zwei Menschen aufzubauen, und dann zieht er den Boden weg, indem er offenbart, dass die wahre Romanze außerhalb des Bildes stattfand.
Der Film stützt sich zudem auf eine Nebenhandlung um Paige’s Familie, die sie von Paul fernhalten will, weil sie glaubt, er habe den Unfall verursacht. Das fügt eine Konfliktebene hinzu, doch sie ist dünn im Vergleich zur zentralen Prämisse. Das Familiendrama existiert, um dem Paar Hindernisse in den Weg zu legen, nicht um es zu vertiefen.
Die Romantikmaschine
„The Vow“ ist eine Maschine, die gebaut wurde, um emotionale Reaktionen zu erzeugen. Sie wirft das Paar in eine Krise, wartet darauf, dass sie kämpfen, und löst dann die Spannung mit einem Kuss auf. Die Formel funktioniert zuverlässig in kleineren Dosen, doch über zwei Stunden gestreckt wird sie vorhersehbar. Jeder Streit folgt derselben Form: Paige verliert den Glauben, Paul beruhigt sie, Paige gewinnt ihr Vertrauen zurück, und der Kreislauf beginnt von Neuem.
Der Film ist am besten, wenn er langsamer wird und den Schauspielern Raum zum Atmen lässt. McAdams und Tatum haben echte Chemie, und ihre gemeinsamen Szenen sind die überzeugendsten Teile des Films. Wenn die Handlung dazwischenkommt, leiden die Darbietungen. Der Film treibt sie ständig zum nächsten großen Moment, und die Intimität geht im Getümmel verloren.
Der Soundtrack
Die Musik erledigt den Großteil der Arbeit in „The Vow“. Lieder wie „All of Me“ und „Thinking Out Loud“ werden als emotionale Wegweiser eingesetzt, die dem Publikum signalisieren, wann es sich glücklich, traurig oder hoffnungsvoll fühlen soll. Der Film stützt sich stark auf diese Hinweise, und das Ergebnis ist ein Soundtrack, der wesentlicher erscheint als die Szenen selbst.
Die Lieder sind für sich genommen angenehm genug, doch sie werden als Kurzschrift eingesetzt und nicht als Begleitung. Ein tränenreicher Moment ist kein tränenreicher Moment, wenn die Musik einem sagt, dass er kommt.
Das Problem mit der Amnesie
Amnesie ist im echten Leben ein seltener Zustand, und die Filme, die sie verwenden, neigen dazu, sie als unbeschriebenes Blatt zu behandeln. Figuren vergessen ihr Leben und beginnen von vorn, und die Filme feiern den Neuanfang statt den Verlust. „The Vow“ fällt in diese Falle. Paige’s Gedächtnisverlust wird als Tragödie dargestellt, doch der Film verbringt mehr Zeit damit, ihre Genesung zu feiern, als darum zu trauern, was sie verloren hat.
Der Film möchte, dass Paige sich selbst wiederfindet, aber er interessiert sich nicht dafür, was aus ihr geworden ist. Die Amnesie ist ein Handlungskniff, keine Charakterstudie. Der Film erinnert das Publikum immer wieder daran, dass Paige etwas fehlt, aber er erklärt nie, was ihr fehlt.
Das Ende
Der letzte Akt versucht, alles zusammenzufügen, doch die Fäden lösen sich immer wieder. Paige’s wiedererlangte Erinnerung soll einen Abschluss bringen, doch sie wirkt wie ein Betrug. Der Film hat eineinhalb Stunden damit verbracht, eine Beziehung zwischen zwei Menschen aufzubauen, und dann enthüllt er, dass die wahre Beziehung woanders stattfand. Das Ende ist ordentlich, aber es ist nicht befriedigend.
Der Film endet mit einem optimistischen Ton, mit Paige und Paul wieder zusammen. Es ist ein Happy End, aber ein hohles. Der Film hat die Auflösung, die er bietet, nicht verdient.
Das Urteil
„The Vow“ ist ein gut gemachter Film, der nie ganz zu einem guten wird. McAdams und Tatum sind beide hervorragend, und der Film hat ein paar wirklich bewegende Momente. Doch die Struktur ist fatal fehlerhaft. Die Amnesie-Handlung ist ein Trick, keine Geschichte, und der Film kann seiner eigenen Mechanik nicht entkommen.
Der Film bittet das Publikum immer wieder zu glauben, dass Vergessen dasselbe sei wie von vorn anzufangen. Das ist es nicht. Paige’s Gedächtnisverlust ist eine Wunde, kein Geschenk, und der Film weigert sich, sie als solche zu behandeln. Das Ergebnis ist ein Film, der angenehm anzusehen, aber schwer zu empfehlen ist.
Faktenbox
- Titel: The Vow
- Jahr: 2012
- Regie: Michael Sucsy
- Laufzeit: 121 Minuten
- Bewertung: 4,3/10
- Hauptdarsteller: Rachel McAdams, Channing Tatum
- Nebendarsteller: Scott Foley, Sam Neill, Jessica Parker Kennedy
- Soundtrack-Höhepunkte: „All of Me“, „Thinking Out Loud“
Der Film ist technisch solide, mit starken schauspielerischen Leistungen und einer angenehmen Filmmusik. Doch die Handlung ist eine Falle, und das Ende ist eine Enttäuschung. Es ist ein Film über die Erinnerung, der seine eigenen Lehren vergisst.
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